Tauchen mit Vollsichtmaske(n), Übungstag am 13.9.2017

Auffrischung "alter" Einsatzstandards

Das übliche "Reglerschrauben", da auch Inflatorschläche und anderes passen müssen.
Atmosphere
Kirby-Morgan
 

Motivation

Zur Erinnerung ein Blick in unsere Regel für Forschungstaucher BGR/GUV-R 2112 der DGUV:

"...5.7.1 Der Unternehmer hat für jeden Taucher (Einsatz- und Sicherungstaucher) folgende  
  Mindestausrüstung bereitzustellen:
  • autonomes Leichttauchgerät mit Vollgesichtsmaske,..."

und im Anhang zum Ausbildungsplan ist u.a. zu lesen:
 "1.2.1 Allgemeine Tauchfähigkeiten: ... mit aLTG und Vollmaske ..."

Es steht nirgendwo explizit geschrieben, dass mit einer Vollgesichtsmaske im richtigen Einsatz getaucht werden muss - trotzdem war die Ausbildung fast vollständig mit diesem Ausrüstungsteil zu absolvieren. Wen wundert es, dass bei späteren Freiwassereinsätzen zunehmend gern auf die Vollsichtmaske verzichtet wird. Dafür gibt's viele Begründungen in den Gefährdungsanalysen, wie u.a.
- das Wasser ist doch sauber und nicht zu kalt
- die Halbmaske engt mein Gesichtsfeld nicht so sehr ein
- mit der Halbmaske kommt ein Taucher alleine klar, bei der VM benötigt er idR. Hilfe beim Aufsetzen
- bestimmte VM gibts nur in Einheitsgröße und die passen nicht auf jedes Gesicht - sind also undicht

Über den eigentlich entscheidenden sicherheitstechnischen Aspekt bei der Verwendung einer Vollgesichtsmaske macht man sich offenbar weniger Gedanken: die Ertrinkungsgefahr durch einen aus dem Mund gefallenen Atemregler entfällt. Nun kann man sicherlich darüber diskutieren, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Lungenautomat aus dem Mund fällt - sie ist zumindest im Fall einer Bewusstlosigkeit nicht klein. Aber: bewusstlos werden Forschungstaucher ja nicht - "die sind gesund und haben ja alle eine G31-Tauchtauglichkeit!" Und außerdem würde ein Tauchpartner sofort helfen können. Na ja - über solche Aussagen mag jeder sein eigenes Urteil fällen. Letztlich muss man die konkreten  Einsatzbedingungen in ihrer Gesamtheit sehen und darf nicht vergessen, dass das "Solotauchen" an der Signalleine sehr häufig normal ist (Zwang zum zeiteffektiven Arbeiten kleiner Tauchgruppen) - es also oftmals keinen Tauchpartner in unmittelbarer Nähe gibt. Wie oft sind die Luftblasen des Tauchers denn wirklich uneingeschränkt beobachtbar (z.B. bei Wellengang und Wind)? Und - das positive Ergebnis der Tauchtauglichkeitsuntersuchung am Tag X heisst ja nicht, dass am Tag X+1 kein gesundheitliches Problem auftreten kann.

Wie auch immer: es ist eben nicht so, wie immer wieder zu lesen ist, dass prinzipiell eine Halbmaske und Vollmaske als gleichwertige Ausrüstungsgegenstände beim Tauchen gelten. Der Sicherheitsaspekt einer VM ist ungleich höher, wenn sie passt und der Umgang mit ihr trainiert und geübt ist. Der Vorteil einer ungleich besseren Kommunikation bei zusätzlicher Verwendung eines Tauchertelefons, welches nur in VM integrierbar ist, ist bis jetzt noch gar nicht erwähnt worden.

Die Verwendung einer Vollsichtmaske bedarf also permanenter Übung, führt zu mehr Sicherheit beim Tauchen, wenn sie passt und beinhaltet u.U. bessere Kommunikationsmöglichkeiten. Deshalb wird sie beim beruflichen (Forschungs)Tauchen und auch bei Feuerwehr und Polizei als Standardausrüstung verwendet. Wenn nicht, ist das in der Gefährdungsanalyse plausibel zu begründen.

Realisierung
Der Rostocker Forschungstaucherausbildungsbetrieb, ein Gemeinschaftsunternehmen von UniR und IOW, hatte sich deswegen in Anbetracht obiger Überlegungen kurzfristig entschlossen, einen Übungstag als Weiterbildung zu organisieren, um Gelegenheit zu geben, mit allen in den Einrichtungen vorhandenen Vollgesichtsmasken zu üben und erforderliche Fertigkeiten wieder aufzufrischen. Freundlicherweise stellte uns der Tauchclub aus Rostock sein Vereinsgebäude am Papendorfer See für das Vorhaben zur Verfügung. Telnehmende waren 5 KollegINNen aus der UniR und 6 KollegINNen aus dem IOW. Nach einer theoretischen Einführung durch G. Niedzwiedz und A. Frahm konnten 4 verschiedene Vollgesichtsmasken getestet werden und zwar
- die Kirby Morgan Exo 26
- die Interspiro Divator
- Poseidon Atmosphere
- die Cressi

Fazit
Man sollte jetzt nicht davon ausgehen, dass ab sofort die Forschungstauchgänge nur noch mit Vollgesichtsmaske stattfinden werden. Es wurde jedoch deutlich, dass mit dem Verzicht auf eine VM uU. Probleme aus taucherischer und rechtlicher Sicht entstehen, die in einer Gefährdungsanalyse ausreichend Beachtung finden sollten. Hier müssen die Taucheinsatzleiter ihrer Verantwortung nachkommen. Vergessen werden darf auch nicht, dass die Sicherstellung von Forschungstaucheinsätzen nicht allein von der Verwendung von Vollsichtmasken abhängt, sondern auch durch die Mittel der Kommunikation, wie zB. Signalleinen, Blubb und/oder Handleinen. Werden hierbei mehrere Sünden gleichzeitig begangen ist der Tatbestand der "groben Fahrlässigkeit" schnell gegeben, der im Fall des Unfalls auch persönliche Konsequenzen haben wird. Wir betrachten es als Ausbildungsbetrieb für Forschungstaucher als unsere Pflicht, ggf. solche Probleme anzusprechen und zumindest dafür (wieder) zu sensibilisieren. Das sollte mit dieser Veranstaltung gelungen sein.

Papendorfer See: 0m Sicht, bis 15m tief, ab 4m sehr kalt: es kam aber nicht auf tiefe und lange Tauchgänge an
die KM 26 Exo wurde bislang bei "richtigen" Forschungstaucheinsätzen wenig benutzt
statt des Rettungstauchers sprang der Rettungshund ins Wasser - allerdings ohne konkreten Anlass - Herrchen gings eigentlich ganz gut...
Der Tauchernachwuchs war gut versorgt und warm eingepackt. In die Ausrüstung muss er aber erst noch reinwachsen.